Frankreichs Regierung steht wegen ihres Polizeieinsatzes gegen protestierende Schüler unter wachsendem Druck. Innenminister Laurent Nuñez hat den Einsatz von Blendgranaten bei Schülerdemonstrationen vorerst gestoppt, Premierminister Sébastien Lecornu bestreitet, dass die Beamten Anweisung zur Konfrontation hätten, und kündigt für Ende Oktober einen Plan an.

Anlass sind Verletzungen, die selbst erfahrene Beobachter schockieren. Ein 15-Jähriger aus Lens verlor eine Hand, mutmaßlich durch eine Blendgranate. Der 14-jährige Eden aus Saint-Ouen-l’Aumône erlitt einen Kieferbruch und verlor mehrere Zähne, nachdem ihn eine aus kurzer Distanz abgefeuerte Tränengasgranate ins Gesicht traf. Gegen den Schützen wird inzwischen ermittelt. In Argenteuil droht einem 16-Jährigen ein dauerhafter Schaden am Auge.

Die interne Polizeiaufsicht IGPN prüft zwei Dutzend Fälle, die Nachrichtenagentur Reuters zählte 28 Verletzungen durch Polizeigewalt. Die Regierung verweist ihrerseits auf rund 700 verletzte Polizisten, beschädigte Schulen und Angriffe auf Lehrkräfte. Festgenommen wurden fast 6.900 Menschen, überwiegend Jugendliche. Anwälte berichten von Ohrfeigen, Beleidigungen und Würgegriffen in Gewahrsam. Viele Jugendliche kämen bereits verletzt auf der Wache an, heißt es.

Ausgangspunkt der seit über zwei Wochen andauernden Bewegung sind marode Schulgebäude und fehlende Lehrkräfte. Inzwischen geht es aber vor allem um die Frage, welche Waffen die Polizei gegen Minderjährige einsetzen darf. Der Polizeiforscher Sebastian Roché vom CNRS spricht von einem in der jüngeren Geschichte Frankreichs beispiellosen Ausmaß; in Großbritannien, Italien und weiten Teilen Deutschlands sind Gummigeschosse bei Demonstrationen unüblich.

Amnesty International und linke Politiker wie Bally Bagayoko, Bürgermeister von Saint-Denis, verlangen ein Verbot sogenannter nicht-tödlicher Waffen. Die Polizeigewerkschaften halten dagegen: Ohne diese Mittel bliebe im Ernstfall nur die Schusswaffe.

Der Konflikt fällt in eine heikle Phase, denn Frankreich bereitet sich auf die Präsidentschaftswahl 2027 vor.

samweber.si

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