Fast drei Jahrzehnte lang stand sie in Lehrbüchern als eines der ältesten Reptilien der Welt: „Lizzie“, ein rund 345 Millionen Jahre altes Fossil aus Schottland, wissenschaftlich Westlothiana lizziae genannt. Jetzt muss die Geschichte umgeschrieben werden. Forscher des New Yorker Naturkundemuseums AMNH und der Universität Oxford haben das Tier gewissermaßen durchleuchtet und dabei etwas völlig anderes gefunden.

Das Problem war bislang der Zustand des Fundes. Das 1984 entdeckte Skelett ist zwischen zwei Gesteinsplatten plattgedrückt, viele Details blieben unsichtbar. Was man sah, wirkte erstaunlich modern: vier Beine, fünf Zehen, Finger mit krallenähnlichen Spitzen. Daraus schlossen Forscher, Lizzie sei an Land zu Hause gewesen und gehöre an die Wurzel der Amnioten, jener Gruppe, aus der später Reptilien, Vögel und Säugetiere hervorgingen.

Mit Röntgentomografie an der Europäischen Synchrotronstrahlungsanlage in Grenoble rekonstruierten die Wissenschaftler nun das Innere. Zum Vorschein kamen ein urtümlicher Schädel, verknöcherte innere Kiemen und ein fischartiges Maul mit Tausenden winziger Zähnchen. Ein Landtier sieht anders aus. Lizzie lebte demnach im Wasser oder pendelte zwischen Wasser und Ufer. Die Studie erschien in der Fachzeitschrift Nature.

„Looks can be deceiving“, kommentierte Mitautor Ben Igielman. Die eigentliche Pointe reicht aber weiter: Merkmale, die als typisch für landlebende Tiere galten, tauchten offenbar schon Stück für Stück bei älteren, noch amphibisch lebenden Verwandten auf.

Das hat Folgen für eine lebhafte Debatte. Versteinerte Fährten mit Krallenspuren aus dem Devon gelten manchen als Beleg, dass Amnioten schon vor mehr als 359 Millionen Jahren existierten. Wenn aber auch Tiere wie Lizzie Krallen trugen, beweisen solche Abdrücke das nicht mehr. Einige der Spuren könnten von urtümlicheren Vierbeinern stammen.

samweber.si

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