Die von Donald Trump ausgerufene „Energie-Waffenruhe“ zwischen Russland und der Ukraine hat ihren ersten Praxistest aus Kiewer Sicht nicht bestanden. Wolodymyr Selenskyj warf Moskau am Montag vor, die Schonfrist für Kraftwerke und Leitungen bereits verletzt zu haben. Per Video zugeschaltet zum Warsaw Security Forum verlangte er, Washington müsse jetzt dafür sorgen, dass sich der Kreml an die Absprache hält.
Konkret verweist die Ukraine auf einen Treffer gegen ein Kraftwerk in Charkiw, der nach Trumps Ankündigung vom Sonntagabend erfolgt sein soll. Der Bürgermeister der Stadt meldete mindestens zwölf Verletzte bei Angriffen auf Energieanlagen. In der Nacht zu Montag geriet zudem eine Gasförderanlage des Staatskonzerns Naftogaz in der Region nach einem Angriff in Brand.
Ganz verwerfen will Selenskyj die Idee trotzdem nicht. Sein Land werde auf Schläge gegen russische Raffinerien verzichten, wenn Russland das ukrainische Stromnetz verschone; tue Moskau das nicht, werde Kiew reagieren. Von der Vereinbarung selbst habe er aus den Medien erfahren, sagte er und spottete, Putin lese offenbar kein Truth Social.
Aus dem Kreml kamen gemischte Signale. Sprecher Dmitri Peskow sagte, über eine mögliche Feuerpause im Energiesektor werde weiter gesprochen, Russland strebe jedoch keinen Waffenstillstand, sondern einen dauerhaften Frieden an. Selenskyjs Vorschlag, die Kämpfe für 60 Tage ruhen zu lassen, um Wahlen zu ermöglichen, lehnte Moskau ab. Putin würde allenfalls einen einzigen Tag Pause für einen Wahltermin erwägen.
In Europa überwiegt die Skepsis. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron erklärte, er habe binnen 48 Stunden keinerlei russische Zurückhaltung bemerkt. EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas sagte beim Außenministertreffen in Luxemburg, man begrüße die Feuerpause, sofern sie halte. Am selben Tag setzte die EU knapp 1.600 weitere Personen und Organisationen aus dem Umfeld der russischen Rüstungsindustrie auf ihre Sanktionsliste – laut Kallas die größte Ausweitung seit Kriegsbeginn. Polens Regierungschef Donald Tusk will in Brüssel für zusätzlichen Druck werben.
