Brennende Bankfilialen, zerschlagene Bushaltestellen, Tränengas über dem Boulevard: Tirana hat drei Nächte heftiger Krawalle hinter sich. Nach Behördenangaben wurden etwa 89 Menschen verletzt, darunter 61 Polizisten. Am Dienstagabend drangen Demonstranten ins Bildungsministerium ein und legten Feuer, 16 Personen wurden festgenommen. Auch in Elbasan und Shkodra versammelten sich Studierende.

Begonnen hatte alles friedlich. Seit dem Frühsommer protestieren Albaner fast täglich gegen ein Luxusresort an der geschützten Südküste, zu dem auch die Insel Sazan gehören soll. Hinter dem rund vier Milliarden Euro schweren Vorhaben steht die Investmentfirma Affinity Partners von Jared Kushner, dem Schwiegersohn des US-Präsidenten. Weil Flamingos und andere Arten in der Lagunenlandschaft bedroht wären, heißt die Bewegung im Volksmund Flamingo-Revolution.

In dieser Woche haben junge Leute das Ruder übernommen, und ihre Forderungen reichen weiter: bezahlbares Studium, sanierte Hörsäle, Perspektiven nach dem Abschluss und ein Ende der Korruption. Viele fühlen sich nach Monaten der Demonstrationen schlicht übergangen, so beschreiben es Beobachter vor Ort. Hinzu kommt Frust darüber, dass der Abstand zum Lebensstandard in der EU trotz Wachstums kaum schrumpft und viele gut ausgebildete Junge das Land verlassen. Das Parlament sagte wegen der Ausschreitungen in der Nähe sogar eine Sitzung ab.

Edi Rama, seit 2013 Regierungschef und im vergangenen Jahr zum vierten Mal gewählt, denkt nicht ans Aufgeben. Regierungen wechsle man an der Wahlurne, ließ er wissen; ein Rücktritt wäre aus seiner Sicht Verrat an jenen, die ihm den Auftrag für die EU-Beitrittsverhandlungen gegeben hätten. Bis 2030 will er Albanien in die Union führen. Über Studienkosten sei er gesprächsbereit, Gewalt werde er nicht dulden.

Ob der Druck reicht, ist offen. Schon 2018 hatten Studentenproteste Rama zu einer Kabinettsumbildung mit acht neuen Ministern gezwungen, an der Macht blieb er trotzdem. Der Politologe Afrim Krasniqi sieht jedoch einen Wendepunkt erreicht: Die Regierung habe Monate verstreichen lassen, statt zuzuhören. Eine Prognose wagt er nicht.

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