„Wir stürmen die Bastille“ – mit diesem Ruf haben vermummte Demonstranten am Samstag in Marseille das Portal des Rathauses am Alten Hafen aufgebrochen. Als Rammbock dienten ihnen Absperrgitter. Einige Eindringlinge gelangten bis in die Eingangshalle, einer sprühte ein Anarchie-Zeichen an die Wand, dann räumte die Polizei das Gebäude. Bürgermeister Benoît Payan sprach von überschaubarem Schaden; Staatschef Emmanuel Macron habe ihm zusätzliche Einsatzkräfte versprochen.
Die Szene steht für einen Aktionstag, der vielerorts aus dem Ruder lief. In Lyon brannte das Büro der Touristeninformation, in Grenoble wurde das Rathaus beschädigt, in Avignon drangen Menschen in den Hof der Präfektur ein. In der Hauptstadt gingen ein Auto und ein Zeitungskiosk in Flammen auf, die Polizei antwortete mit Tränengas und Wasserwerfern. Rund um den Élysée-Palast, den Amtssitz des Premierministers, die Champs-Élysées und die Bahnhöfe galt ein Versammlungsverbot.
Am Abend meldete das Innenministerium 272 Festnahmen im ganzen Land und beklagte zunehmende Gewalt. Nach einer früheren Zählung hatten sich rund 33.000 Menschen an etwa 140 Kundgebungen und Blockaden beteiligt.
Aufgerufen hatten die Gelbwesten, die 2018 mit ihrem Aufstand gegen höhere Spritsteuern bekannt geworden waren. Diesmal zogen sie gemeinsam mit Gewerkschaften, Klimaschützern und vor allem Schülerinnen und Schülern durch die Straßen. Die Jugendlichen protestieren seit Wochen gegen marode Schulgebäude und lange Unterrichtstage.
Der gemeinsame Nenner ist das Geld. Seit Beginn des Krieges zwischen den USA und dem Iran ist Treibstoff in Frankreich deutlich teurer geworden, die Kaufkraft schrumpft schon seit 2024. Laut einer Umfrage machen sich etwa 45 Prozent der Bevölkerung Sorgen wegen Inflation und Alltagskosten.
Premierminister Sébastien Lecornu hatte der Linkspartei La France Insoumise von Jean-Luc Mélenchon zuvor vorgeworfen, die Schülerbewegung für ihre Wahlkampfzwecke einzuspannen. Mit Blick auf die nächste Präsidentschaftswahl dürfte der Kampf um die Deutungshoheit auf der Straße noch härter werden.
