Handys heulten, Lautsprecher in den Städten sprangen an, Nachrichtensprecher forderten zum Schutzsuchen auf: Am Freitagmittag sah es in Japan kurz so aus, als stünde das stärkste je gemessene Beben bevor. Acht Minuten später kam die Entwarnung – ebenfalls per Alarm.

Was war passiert? Rund zwei Minuten vor der Warnung hatte die Erde vor der russischen Halbinsel Kamtschatka gebebt, mit einer Magnitude von 6,9 und in großer Tiefe von etwa 135 bis 140 Kilometern. In Japan war davon kaum etwas zu spüren. Trotzdem gab die Wetterbehörde JMA um 12.40 Uhr Ortszeit eine Frühwarnung heraus und nannte auf ihrer Website den Wert 9,9. Zum Vergleich: Den Rekord hält bis heute das Chile-Beben von 1960 mit 9,5. Um 12.48 Uhr wurde die Meldung zurückgezogen.

Laut JMA verortete das automatische System das Epizentrum fälschlich vor den Kurilen statt bei Kamtschatka. Zudem rechnete es mit einer Formel, die für Beben in der Nähe Japans gedacht ist, und verwendete für Stärke und Erschütterungsprognose zwei unterschiedliche Positionen. Blitzschlag oder ein Hackerangriff seien nicht die Ursache gewesen. Die Zahl 9,9 ist übrigens der höchste Wert, den das System überhaupt ausgeben kann.

Neu war vor allem die Art der Korrektur: Noch nie zuvor war eine Notfall-Erdbebenwarnung mit einem eigenen zweiten Alarm offiziell widerrufen worden. Fehlalarme gab es zwar schon 2013 und im Juli 2020, aber nicht in dieser Dimension.

Wer die beliebte Katastrophenschutz-App NERV nutzte, sah sogar einen Countdown bis zum erwarteten Erdstoß – der dann nie kam. In Tokio blieben viele Passanten kurz stehen, schauten aufs Handy und gingen schließlich weiter. Regierungssprecher Minoru Kihara versicherte, man nehme die Verunsicherung der Menschen ernst, die sich in Sicherheit gebracht oder ihre Reise unterbrochen hatten. Die Folgen blieben überschaubar. Auf der Schnellzugstrecke Tokaido-Shinkansen standen die Züge eine Viertelstunde still, Schäden wurden der Regierung nicht gemeldet. In Petropawlowsk-Kamtschatski spürten die Menschen das echte Beben rund eine Minute lang, manche verließen ihre Wohnungen. Eine Tsunami-Gefahr bestand nicht.

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