Bunte Comic-Menschenmenge auf einem sonnigen Stadtplatz

Frankreich erlebt gerade eine der schwersten Unruhewellen der vergangenen Jahre. Was Mitte September als Streik an einer Vorstadtschule begann, hat sich binnen vier Wochen zu einer landesweiten Protestbewegung ausgewachsen. Am Samstag, dem 17. Oktober, eskalierte sie: Hunderttausende zogen friedlich durch die Städte, doch am Rand der Märsche brannten Gebäude, Läden wurden geplündert, und die Polizei meldete mehr als tausend Festnahmen. Dieser Sonderbericht ordnet ein, wo es brennt, wie es dazu kam und was als Nächstes droht.

Wo die Gewalt ausbrach

Der Samstag war als landesweiter Aktionstag gegen hohe Lebenshaltungskosten angekündigt. Das Innenministerium zählte rund 110 Demonstrationen mit etwa 550.000 Teilnehmern, davon 110.000 in Paris. Der Gewerkschaftsbund CGT sprach von 800.000. Die Hauptzüge verliefen weitgehend ruhig. Die Zerstörung konzentrierte sich auf Ränder und Nebenstraßen, und sie traf viele Orte gleichzeitig.

In Paris entlud sich die Wut rund um die Place de la République und entlang des Boulevard Magenta. Nach Angaben der Polizeipräfektur tauchten dort am späten Nachmittag zwischen 500 und über 1.000 gewaltbereite Personen auf, deren Ziel nach Behördenlesart ausschließlich Diebstahl und Plünderung war. Fahrzeuge brannten, Banken und Boutiquen wurden aufgebrochen, das Viertel für Videospiele und Popkultur am Boulevard Voltaire ist verwüstet. Bürgermeister Emmanuel Grégoire sagte, ganze Straßen seien zerstört worden.

In Marseille drangen im Lauf des Tages einige Dutzend Menschen in die Eingangshalle des Rathauses am Alten Hafen ein. Sie hatten die Tür aufgedrückt und riefen „Das ist die Revolution, wir nehmen die Bastille“. Die Polizei drängte sie schnell wieder hinaus, an einer Wand blieb ein aufgesprühtes Anarchie-Zeichen zurück. Zugleich wurden Scheiben der städtischen Polizeiwache zertrümmert und Rauchkörper hineingeworfen; einen Brandanschlag konnten die Beamten verhindern. Auf der Canebière wurden Geschäfte beschädigt.

In Lyon ging das Tourismusbüro an der Place Bellecour in Flammen auf. In Lille versuchten Gruppen mehrfach, ins Rathaus zu gelangen; die Präfektur sprach von rund 2.000 Gewalttätern im Département Nord. In Bordeaux wurde ein Polizeigelände verwüstet. Das schlimmste Bild lieferte Limoges: Dort setzten Vermummte nach dem Eindringen das Rathaus aus dem Jahr 1883 in Brand. Der Präfekt der Haute-Vienne bezeichnete es als großenteils verloren, das Dach stürzte ein. Er sprach von einer Katastrophe für das Kulturerbe.

Wann es begann

Die Vorgeschichte reicht vier Wochen zurück. Am 17. September traten am Lycée Saint-Exupéry im Pariser Vorort Créteil einige Lehrkräfte in den Ausstand, weil Stellen in Mathematik, Französisch und Geschichte unbesetzt waren, die Schulkrankenschwester fehlte und die Zahl der Schüler gestiegen war. Noch am selben Abend beschlossen Abiturienten, am nächsten Morgen mitzumachen. Sie stapelten Mülleimer vor den Eingang und hielten Plakate hoch. Am 21. September folgte eine größere Blockade.

Videos davon verbreiteten sich in sozialen Netzwerken, und die Idee wurde kopiert. Binnen einer Woche waren in Seine-Saint-Denis und im Val-de-Marne rund ein Dutzend Schulen blockiert, in der gesamten Region Paris rund 60 gestört. Zum Monatswechsel erfasste die Bewegung das ganze Land, Anfang Oktober schlossen sich Studierende, Eltern und Gewerkschaften an. Am 6. Oktober folgte der bis dahin größte Aktionstag. Der 17. Oktober verbindet nun die Schülerproteste mit einem Aufruf, die Gelbwesten-Bewegung von 2018 wiederzubeleben.

Die Ursachen

Am Anfang stand der Schulalltag in den ärmeren Vorstädten: ausfallender Unterricht, überfüllte Klassen, lange Stundenpläne, marode Gebäude und fehlendes Hilfspersonal wie Krankenpflege und Sozialarbeit. Schüler sagen, sie verlangten das Minimum und Chancengleichheit gegenüber wohlhabenderen Pariser Vierteln. Hinzu kommt der Stress um die Bewerbungsplattform für Studienplätze, Parcoursup.

Daraus wurde ein größerer Konflikt, weil sich andere Gruppen anhängten. Viele Haushalte spüren steigende Preise. Eine Umfrage im Oktober ergab, dass etwa 45 Prozent der Franzosen die Teuerung beunruhigt. Diesel kostete am Samstag im Landesdurchschnitt nach Angaben eines Preisportals rund 2,36 Euro je Liter. Die CGT fordert höhere Löhne und Renten, niedrigere Preise und den Schutz öffentlicher Dienste sowie die Wiedereinführung einer Vermögensteuer. Dazu kommt Streit um die Haushaltspläne der Regierung. So verbanden sich Bildungs-, Preis- und Sozialproteste zu einer Bewegung gegen Ungleichheit.

Die Gewalt hat aus Sicht der Behörden eine zweite, eigene Quelle: Plünderer, die die Menge als Deckung nutzen. Reporter der Nachrichtenagentur AFP sahen in Paris kleine Gruppen, die maskiert und mit Handschuhen planvoll vorgingen: Erst schalteten sie Überwachungskameras ab, dann schlugen sie Schaufenster ein. Das spricht eher für organisierte Beutezüge als für spontanen Zorn.

Wer beteiligt ist

Das Spektrum ist breit. Auf der friedlichen Seite stehen Schülerinnen und Schüler, Studierende, Lehrkräfte, Eltern, Rentner und Beschäftigte, organisiert über Schülerverbände und Gewerkschaften wie die CGT. Dazu kommen Aktivisten der Gelbwesten, die in Warnwesten Straßen blockierten. Der Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon unterstützt die Schüler und rief am Abend dazu auf, Plünderungen zu unterlassen, die mit dem Kampf nichts zu tun hätten.

Auf der anderen Seite stehen die „Casseurs“, wie Frankreich Randalierer nennt. Innenminister Laurent Nuñez macht Gruppen der radikalen Linken verantwortlich, die gezielt öffentliche Gebäude angriffen, sowie Kriminelle, die eine Gelegenheit zum Plündern witterten. Ein detailliertes Profil der Festgenommenen hat bisher niemand veröffentlicht. In den Wochen davor waren nach Angaben der Justiz rund neun von zehn Festgenommenen minderjährig. Mélenchons Partei und Gewerkschafter weisen die Schuldzuweisung an die Linke zurück und werfen der Polizeiführung vor, die Lage verschlimmert zu haben.

Die Reaktion der Regierung

Präsident Emmanuel Macron erklärte am Abend, Vandalen und Plünderer würden verfolgt und bestraft; den Sicherheitskräften sprach er den Rückhalt der Nation aus. Premierminister Sébastien Lecornu nannte die Gewalt „von extremer Intensität“. Er sagte, es sei Zeit, sich zu entscheiden zwischen der Republik und den Randalierern, und ein Punkt ohne Wiederkehr sei erreicht. Einen Ausnahmezustand plant die Regierung nach Aussage von Nuñez nicht.

Die Zahlen sind noch im Fluss. Nuñez nannte am Nachmittag rund 400 Festnahmen, Lecornu am späten Abend 1.200 und 150 verletzte Polizisten und Gendarmen. Am Sonntag sprach das Innenministerium von mindestens 1.800 Festnahmen. Allein in der Pariser Region waren es laut Polizeipräfektur 855, über 500 Menschen, darunter 171 Minderjährige, sitzen dort in Polizeigewahrsam. Justizminister Gérald Darmanin verlangte eine „äußerst harte“ Antwort der Staatsanwaltschaften und Untersuchungshaft für Gewalttäter gegen Polizisten, Feuerwehr, Behörden und Geschäfte.

Am Sonntagabend sollte Lecornu einen Krisenstab leiten, bei dem es um die Folgen für Wirtschaft, Handel, Versicherungen und Strafverfolgung geht. Handelsminister Serge Papin sicherte betroffenen Händlern Hilfe zu. Innenminister Nuñez wird laut Le Figaro am Montag in Marseille erwartet. Lecornu hatte seine Minister schon Anfang Oktober beauftragt, bis Ende des Monats erste Antworten auf die Forderungen der Schüler vorzulegen, etwa Ersatz für fehlende Lehrkräfte und Reparaturen an alten Schulgebäuden.

Die Gefahren

Weitere Eskalation. Die Gewalt ist nicht mehr auf Schulen beschränkt, sondern trifft Rathäuser, Polizeiwachen und Einkaufsstraßen. Die Gewaltgruppen waren nach Angaben der Pariser Polizei größer als zuvor beobachtet, das macht Prognosen schwer. Die CGT hat bereits einen großen branchenübergreifenden Streiktag am 5. November angekündigt. Dagegen nehmen die beginnenden Schulferien den Schülern ihr wichtigstes Mittel, die Blockade. Sie wollen stattdessen Versammlungen abhalten.

Sicherheit und Vertrauen. Der Einsatz der Polizei ist selbst Streitthema. Ein 15-Jähriger verlor Anfang Oktober in Lens durch eine Granate eine Hand, am Samstag traf es in Saint-Étienne einen 17-Jährigen. Die Polizeiaufsicht untersucht mehr als zwei Dutzend Vorwürfe. Menschenrechtsorganisationen kritisierten bereits früher die Härte. Die Bürgermeister von Paris, Marseille und Lyon verlangen von Lecornu Aufklärung, wie es zu den Szenen kommen konnte. Marseilles Bürgermeister Benoît Payan sprach von zu wenigen Einsatzkräften, Nuñez weist das zurück.

Wirtschaft. Händler, Hotels und Gastronomen sprechen von Ausfällen, Stornierungen und geschlossenen Betrieben. Der Pariser Händlerverband nennt die Lage dramatisch und fordert Geld vom Staat. Juristen weisen darauf hin, dass Versicherungen und Staat meist nur bei Sachschäden zahlen, nicht bei vorsorglich geschlossenen Läden. Lecornu mahnte zugleich, die knappen öffentlichen Mittel könnten nicht endlos Schäden von Randalierern ausgleichen. Dazu kommt ein Verlust, der sich nicht beziffern lässt: das Rathaus von Limoges.

Politik. In einem halben Jahr wählt Frankreich einen neuen Präsidenten, Macron darf nicht erneut antreten. Die Krise verschärft den Wahlkampf. Marine Le Pen sagt, die sozialen Forderungen seien von der extremen Linken als Geisel genommen worden. Bruno Retailleau spricht von Gewalt gegen die Polizei. Die Grünen-Chefin Marine Tondelier fordert den Rücktritt von Nuñez, auch das Rassemblement National stellt ihn in Frage. Ex-Präsident François Hollande mahnt, die Polizei sei überfordert gewesen, und verlangt Verhandlungen mit Jugendorganisationen und Gewerkschaften.

Ausland und Reisen. Die Proteste strahlen aus: Auch in Belgien und Italien gab es Schülerdemonstrationen. US-Vizepräsident JD Vance machte auf X die Einwanderung verantwortlich und knüpfte daran die US-Zwischenwahlen am 3. November. Frankreichs Behörden sprechen dagegen von Linksextremen und Plünderern. Wer reist, sollte Demonstrationen meiden, Metro-Sperrungen beachten und mehr Zeit einplanen. Die US-Botschaft und das Schweizer Außenministerium raten, Protestzüge zu meiden. Vor dem Samstag war weder im Flug- noch im Metro- oder Bahnverkehr ein Streik angekündigt.

Ausblick

In den nächsten Tagen entscheidet sich, ob die Lage abkühlt. Die Staatsanwaltschaften arbeiten Bilder von Überwachungskameras aus, weitere Festnahmen gelten als wahrscheinlich. Entscheidend wird sein, ob die Regierung vor Ende Oktober zu den Schulforderungen glaubhaft liefert und ob sie das Gespräch mit Schülervertretern, Gewerkschaften und den Bürgermeistern sucht, wie Hollande es verlangt. Gelingt das, könnten die friedlichen Teile der Bewegung von den Gewalttätern abrücken. Scheitert es, droht am 5. November die nächste Machtprobe, diesmal mit den Gewerkschaften.

Bemerkenswert ist, dass sich fast alle Seiten in der Verurteilung der Plünderungen einig sind, aber über die Ursachen streiten. Wer Schuld ist, wird im Wahlkampf zur Kernfrage. Für viele Franzosen bleibt unterdessen die Frage, die die Schüler am Anfang stellten: ob ein Staat Schulen, Preise und Zukunftschancen so organisieren kann, dass der Zorn gar nicht erst auf die Straße muss.

samweber.si

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