Große Fußgängermengen erzeugen messbare Bodenerschütterungen – und der Charakter der Bewegung entscheidet mit, wie stark das Signal wird. Das zeigt eine neue Arbeit von Asaf Inbal von der Universität Tel Aviv in den Seismological Research Letters. Die Signale liegen vor allem im Band von 1 bis 2 Hertz, also nahe der typischen Schrittfrequenz. Alltagverkehr skaliert mit der Zahl der Menschen nur schwach; bei synchronen Aktionen wie Märschen, Protesten oder Wallfahrten wächst die Amplitude deutlich schneller.
Inbal analysierte unter anderem den Black-Lives-Matter-Marsch 2020 in Troy (New York) mit rund 11.000 Teilnehmenden und eine Wallfahrt 2021 in Meron (Israel) mit etwa 100.000 Menschen – dem Ort einer tödlichen Massenpanik. Synchrones Marschieren, rhythmisches Springen und Singen verstärkten demnach die seismische Anregung. Der Forscher spricht halb scherzhaft von einer „People’s Magnitude“: Skalen, die nicht nur Kopfzahlen, sondern auch Bewegungsart abbilden.
Den Anstoß gab das Tokioter MeSO-Net mit rund 300 Beschleunigungsmessern, viele auf Schulhöfen. Dort zeigte sich der Tagesrhythmus von Schulbetrieb klar im Rauschen – und weckte die Frage, ob sich Menschenmengen allgemein seismisch charakterisieren lassen. Daten des Crowd Counting Consortium halfen, Protestgrößen mit Bodenschwingungen zu verknüpfen.
Inbal sieht Parallelen zur Physik kollektiven Verhaltens und hofft, dass Veränderungen der Signatur künftig Übergänge in der Menge früher anzeigen könnten als klassische Kameras oder Zählungen – etwa für Sicherheit und Stadtplanung. Die Studie stärkt damit den Fall für seismisches Crowd-Monitoring, ohne den Anspruch, Menschenmengen allein aus dem Untergrund zu steuern.
Ob Behörden die Methode jemals operativ einsetzen, ist offen – als Grundlagenarbeit liefert die Studie aber bereits klare Hinweise, dass Menschenmengen physikalisch unterscheidbar sind.
Für Städteplanerinnen und Sicherheitskräfte könnte daraus langfristig ein zusätzlicher Indikator werden – neben Kameras und Handy-Daten, die oft Datenschutzfragen aufwerfen.
