Die Europäische Zentralbank bekommt früher als geplant eine neue Spitze. Christine Lagarde hat am Donnerstag in Frankfurt angekündigt, ihr Amt am 7. Februar 2027 niederzulegen. Regulär wäre ihre achtjährige Amtszeit erst Ende Oktober 2027 ausgelaufen, die Französin geht also rund neun Monate vor dem Stichtag.
Die Nachricht platzte mitten in einen ohnehin wichtigen Tag: Der EZB-Rat war zusammengekommen, um über die Leitzinsen im Euroraum zu beraten. Nach Angaben der Notenbank dankten die Ratsmitglieder ihrer Präsidentin und spendeten ihr lang anhaltenden Applaus im Stehen. Gerüchte über einen vorzeitigen Abgang hatten seit Monaten die Runde gemacht, nun ist das Datum offiziell.
Wohin es Lagarde zieht, ließ sie offen. In Medienberichten wird sie seit Längerem als mögliche neue Chefin des Weltwirtschaftsforums gehandelt, das jedes Jahr im Januar in Davos tagt. Dessen Gründer Klaus Schwab hatte sich im vergangenen Jahr zurückgezogen.
In Brüssel beginnt damit sofort das Personalpoker. EU-Ratspräsident António Costa würdigte Lagardes „ruhige und entschlossene“ Führung durch Pandemie, Krieg und Inflationsschocks und kündigte an, das Auswahlverfahren noch am selben Tag zu starten. Entscheiden müssen am Ende die Staats- und Regierungschefs der Euroländer. Genannt werden unter anderem der frühere niederländische Notenbankchef Klaas Knot, der Spanier Pablo Hernández de Cos, Bundesbankpräsident Joachim Nagel sowie Nadia Calviño, die heute die Europäische Investitionsbank leitet.
Lagarde hatte das Amt im November 2019 von Mario Draghi übernommen, wenige Monate bevor Corona die Wirtschaft lahmlegte. Später folgten die Energiekrise nach dem russischen Überfall auf die Ukraine, ein Inflationsschub wie seit Jahrzehnten nicht und zuletzt die Folgen des Iran-Kriegs sowie amerikanischer Strafzölle. Ihr Nachfolger oder ihre Nachfolgerin übernimmt eine Währungsunion, die mit schwachem Wachstum kämpft, während die Teuerung weiter über dem Zielwert von zwei Prozent liegt.
Für Deutschland ist die Personalie mehr als eine Formalie: Seit Gründung der EZB hat noch nie ein Deutscher die Notenbank geführt. Ob sich das diesmal ändert, dürfte auch davon abhängen, welche anderen Spitzenposten in Europa gerade zu vergeben sind.
