Jahrzehntelang galten sie als mögliche Auslöser von Durchfall: Picobirnaviren, winzige Erreger, die sich in den Stuhlproben vieler Menschen finden. Ein Team um den Virologen David Wang von der medizinischen Fakultät der WashU in St. Louis hat nun gezeigt, dass diese Viren gar keine menschlichen Zellen angreifen. Sie vermehren sich in Darmbakterien. Die Studie erschien am 29. Oktober im Fachjournal Nature Microbiology.

Entdeckt wurden die Viren einst bei Patienten mit Magen-Darm-Infekten, oft neben bekannten Übeltätern wie Rota- oder Noroviren. Weil sie sich im Labor nicht züchten ließen, nahm man an, sie befielen direkt das Gewebe des Darms. Der entscheidende Hinweis kam auf einem Umweg: Wangs Gruppe stieß auf Erbgut der Viren in Fadenwürmern, die sich von Bakterien ernähren.

Erstautor Tianyu Gan übertrug daraufhin menschliche Stuhlproben auf keimfreie Mäuse und schuf so erstmals ein Modell, in dem sich die Viren vermehren. Anschließend ließ er sie in Laborschalen mit Darmbakterien wachsen, und zwar ohne Sauerstoff. Da Säugetierzellen unter diesen Bedingungen nicht überleben, sprach das Wachstum über 20 Tage klar für bakterielle Wirte. Antibiotika, welche die Bakterien abtöteten, stoppten auch die Viren. Mit bildgebenden Verfahren fanden die Forscher die Erreger schließlich in einem bislang unbekannten Bakterium, das sie Candidatus Anaerotignum faecalis tauften.

Damit sind Picobirnaviren erst die dritte bekannte Familie von RNA-Viren, die Bakterien infizieren. Ganz harmlos müssen sie trotzdem nicht sein. Denkbar ist, dass sie nützliche Darmbakterien vernichten und so schädlichen Keimen Platz machen. Zudem könnten Darmzellen Viruspartikel aufnehmen und mit Entzündungen reagieren.

Wang warnt jedoch vor voreiligen Schlüssen: Hohe Virusmengen bei Kranken bewiesen keine Ursache. Womöglich taugen die Viren eher als Warnsignal für einen gestörten Darm.

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