In Warschau ist der seit zehn Jahren schwelende Streit um das polnische Verfassungsgericht in der Nacht zum Samstag offen eskaliert. Eine Gruppe von Richtern, die das heutige Parlament gewählt hat, suspendierte am Freitagabend Gerichtspräsident Bogdan Święczkowski und seinen Stellvertreter Bartłomiej Sochański für einen Monat. Die Richterin Anna Korwin-Piotrowska erklärte, sie übernehme vorläufig die Leitung, weil sie die längste Berufserfahrung habe.

Święczkowski, einst Vizejustizminister unter der nationalkonservativen PiS, erkennt das nicht an und spricht von einem Staatsstreich. Das Gericht selbst schrieb, alle Beteiligten begingen „das Verbrechen eines Staatsstreichs“. Vor dem Gebäude versammelten sich Hunderte PiS-Anhänger, darunter Parteichef Jarosław Kaczyński. Bereitschaftspolizei riegelte das Gelände ab, drei Personen wurden nach Polizeiangaben festgenommen, nachdem Demonstranten über den Zaun geklettert waren und Gegenstände flogen.

Präsident Karol Nawrocki saß zu diesem Zeitpunkt im Flugzeug Richtung Senegal. Er ließ die Maschine umdrehen: In einem solchen Moment müsse der Präsident in Polen sein. Kurz vor ein Uhr drängte er sich durch die Absperrung ins Gericht. Am frühen Morgen ließ er verlesen, ein Verfassungsorgan sei „mit Gewalt besetzt“ worden, und forderte die Sicherheitskräfte zum Abzug auf.

Justizminister Waldemar Żurek will Święczkowski und Sochański die Immunität entziehen lassen, weil sie fünf neu gewählte Richter nicht arbeiten ließen. Nawrocki hatte diese Richter nicht vereidigt; die Venedig-Kommission des Europarats hatte im Oktober erklärt, dies dürfe ihren Amtsantritt nicht verhindern. Regierungschef Donald Tusk verteidigte den Schritt: Die Wiederherstellung des Rechtsstaats sei Pflicht, auch wenn sie „schmerzhaft“ sei.

Selbst PiS-Kritiker sind skeptisch. Der Juraprofessor Marcin Matczak hält die Suspendierung für rechtlich unbegründet und fürchtet, der Polizeieinsatz schade dem Rechtsstaat auf Jahre. Ein Jahr vor der Parlamentswahl dürfte der Konflikt das Land weiter spalten.

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