In der Nacht auf Dienstag beginnt am Unterlauf des Dnipro ein Experiment, an dem schon viele ähnliche Versuche in diesem Krieg gescheitert sind: eine örtlich begrenzte Feuerpause. Sie gilt der russisch besetzten Kleinstadt Oleschky gegenüber von Cherson, wo nach ukrainischen Angaben noch rund 1.700 Zivilisten ausharren – ohne Strom, ohne fließendes Wasser und seit dem Frühsommer ohne reguläre Lebensmittellieferungen.
Den Zeitplan haben die beiden Menschenrechtsbeauftragten ausgehandelt, der Ukrainer Dmytro Lubinez und seine russische Amtskollegin Jana Lantratowa. Beide Seiten nannten dieselbe Uhrzeit, nur in unterschiedlichen Zonen: 3 Uhr Kiewer, 4 Uhr Moskauer Zeit am 27. Oktober. Russlands Generalstabschef Waleri Gerassimow kündigte an, zunächst Pioniere zur Erkundung der Wege zu schicken. Der eigentliche Hilfseinsatz ist laut Präsident Wolodymyr Selenskyj für Donnerstag, den 29. Oktober, vorgesehen; Moskau soll vorher die Zufahrtsstraßen von Minen räumen.
Ungewöhnlich ist die Vermittlerin. Das Weiße Haus stellt Melania Trump als treibende Kraft dar; die First Lady habe beide Staaten an einen Tisch gebracht. Wer gehen wolle, werde zu einem Ziel seiner Wahl gebracht, ließ sie erklären – manche vermutlich nach Russland, andere in die Ukraine. Auch Papst Leo XIV. hatte sich zuvor bei Wladimir Putin für die Menschen in der Stadt eingesetzt. Kremlsprecher Dmitri Peskow lobte den Beitrag der Amerikanerin ausdrücklich.
Lubinez dämpft dennoch die Erwartungen. Die Operation werde schrittweise ablaufen und sei „extrem schwierig“, sagte er und bat darum, mit Informationen über den Einsatz zurückhaltend umzugehen. Selenskyj warnte, Russland könne die Evakuierung für Propaganda nutzen. Freiwillige Helfer, die seit Langem Menschen aus besetzten Gebieten holen, fürchten Erpressung und Routen, die zwingend über russisches Gebiet führen.
Ob die Feuerpause hält, wird sich in den ersten Stunden zeigen. Gelingt sie, wäre es die erste offiziell abgestimmte Rettungsaktion aus einer besetzten ukrainischen Stadt – und womöglich ein Muster für weitere.
