Für die Fahrgäste des Zuges Nr. 11 von Anapa nach Moskau endete die Nacht auf Montag mit einem Schock. Als der Zug am Bahnhof Somowo am linken Ufer von Woronesch stand, stürzten Teile einer abgeschossenen Drohne auf einen der Waggons. Nach Angaben der russischen Staatsbahn wurden dabei fünf Reisende verletzt; ein Vertreter des Gesundheitsministeriums sprach später von vier Patienten im Krankenhaus, einer davon schwebe in Lebensgefahr.
Insgesamt meldete Gouverneur Alexander Gussew zwei tote Männer, Jahrgang 1960 und 1973, sowie 17 Verletzte, darunter ein Kind. Die Flugabwehr habe über dem Gebiet 113 Drohnen abgefangen, rund 70 davon direkt über der Millionenstadt, die etwa 500 Kilometer südlich von Moskau liegt. Brände brachen in Industriebetrieben, einem Bürogebäude im Zentrum, einem Wohnhaus und zwei Datschensiedlungen aus. Fenster und Fassaden gingen in fast allen Stadtbezirken zu Bruch, einige Fakultäten der Staatlichen Universität stellten auf Online-Unterricht um.
Auf der Strecke Richtung Süden kam der Verkehr zeitweise zum Erliegen, 18 Personenzüge hatten Verspätung, weil die Oberleitung beschädigt war. Das russische Ermittlungskomitee leitete ein Verfahren wegen Terrorismus ein.
Auch die Gegenseite meldete eine unruhige Nacht. Die ukrainische Luftwaffe zählte 140 russische Drohnen und vier Raketen, von denen der Großteil abgefangen worden sei. In Saporischschja, im Gebiet Tschernihiw und in Isjum gab es Verletzte, im Westen des Landes musste wegen eines getroffenen Energieobjekts der Strom rationiert werden.
Die Angriffe fallen in eine Phase vorsichtiger Annäherung. Moskau hat zugesagt, im November in Abu Dhabi wieder an Dreiergesprächen mit Kiew und Washington teilzunehmen. Präsident Selenskyj bestätigte das Treffen und zog eine klare Linie: Über Gebiete könne nur auf Ebene der Staatschefs verhandelt werden, alles andere sei Sache der Fachgruppen. Ob die Gewalt der vergangenen Nacht diese Pläne belastet, ließen beide Seiten zunächst offen.
