Wer zur Welt kommt, hat in seinem Kopf bereits einen gewaltigen Frühjahrsputz hinter sich. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die am Mittwoch im Fachjournal Nature erschienen ist. Ein Team um die Neurogenetikerin Diane Shao vom Boston Children’s Hospital hat mehr als 2300 einzelne Nervenzellen aus der Großhirnrinde untersucht und dabei ein überraschendes Muster entdeckt.

Bei Föten trug gut jede vierte untersuchte Nervenzelle deutliche Fehler im Erbgut: Ganze Abschnitte von Chromosomen fehlten oder waren doppelt vorhanden. In Gehirnen von Babys nach der Geburt lag dieser Anteil dagegen nur noch bei etwa sechs bis sieben Prozent. Rund um die Geburt muss das Gehirn also einen großen Teil der defekten Zellen beseitigen, nach Hochrechnungen geht es um Milliarden.

Besonders auffällig: Unter den überlebenden Neuronen sind Veränderungen an Genen, die für die Entwicklung des Nervensystems besonders empfindlich sind, seltener als zu erwarten. Die Forscher vermuten deshalb eine Art Qualitätskontrolle, die mit der Bildung von Synapsen zusammenhängt, also der Phase, in der sich Nervenzellen miteinander verschalten. Wer nicht sauber funktioniert, bleibt auf der Strecke.

Der Londoner Neurologe Christos Proukakis, der an der Arbeit nicht beteiligt war, sieht darin einen Hinweis, dass am Ende vor allem jene Zellen bleiben, deren Erbgut während der Entwicklung am besten intakt geblieben ist. Shao spricht von einem bisher unbekannten Mechanismus, der mitbestimmt, wie viele Neuronen ein Mensch überhaupt hat.

Medizinisch könnte die Entdeckung wichtig werden. Fehlerhafte Nervenzellen stehen im Verdacht, zu neurologischen Erkrankungen beizutragen, die sich oft schon in der Kindheit zeigen, etwa zu Störungen aus dem Autismus-Spektrum. Wenn man versteht, wann und wie das Aussortieren klappt oder scheitert, ließen sich solche Entwicklungen womöglich besser erklären. Bis dahin ist allerdings noch viel Grundlagenforschung nötig.

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