Vor dem UN-Sicherheitsrat in New York hat Rafael Grossi, Generaldirektor der Internationalen Atomenergiebehörde, am Dienstag eine zwiespältige Bilanz gezogen. Einerseits sieht seine Behörde keinerlei Hinweise darauf, dass Teheran die bei amerikanischen und israelischen Luftangriffen zerstörten Nuklearanlagen instand setzt. Andererseits weiß in Wien niemand, wo sich ein erheblicher Teil des iranischen Spaltmaterials befindet.
Die Einschätzung zum ausbleibenden Wiederaufbau stützt sich allein auf Fernbeobachtung, etwa auf Satellitenbilder. Seit Juni 2025 habe man an den bombardierten Standorten keine Reparaturarbeiten festgestellt, erklärte Grossi. Gleichzeitig mahnte er, dass solche Beobachtungen eine Kontrolle vor Ort niemals ersetzen könnten. Betroffen sind unter anderem die Anreicherungsanlagen in Fordo und Natans, mehrere Einrichtungen in Isfahan sowie der Schwerwasserreaktor Chondab.
Besonders heikel bleibt der Verbleib von rund 440 Kilogramm hoch angereichertem Uran, das nahe an waffenfähige Reinheit heranreicht. Die Inspektoren können nach Grossis Worten bis heute nicht bestätigen, dass nichts davon abgezweigt wurde. Seine Leute hatten das Land Ende Juni 2025 aus Sicherheitsgründen verlassen müssen, als die Angriffe begannen. Seither stünden sie bereit, um zurückzukehren, doch Teheran verweigert den Zugang zu den meisten Standorten.
Als möglichen Ausweg brachte der Argentinier eine Vereinbarung ins Spiel, die er im September 2025 in Kairo mit dem iranischen Außenminister Abbas Araghtschi unterzeichnet hatte. Sie sollte praktische Schritte für Kontrollen nach den Angriffen regeln und könnte nun wiederbelebt werden. Vermittlungsbemühungen gibt es laut Grossi von mehreren Staaten, darunter Oman, Katar, Pakistan und Ägypten; auch mit Verhandlern aus Washington stehe man im engen Austausch.
Grossi betonte, dass jede Lösung für das iranische Atomprogramm nur dann Bestand haben könne, wenn unabhängige Prüfer sie kontrollieren dürfen. Verpflichtungen aus dem Atomwaffensperrvertrag könnten nicht einseitig ausgesetzt werden. Für die Diplomatie bedeutet sein Bericht damit vor allem eines: Ohne Inspektoren im Land bleibt jede Aussage über Irans Fähigkeiten eine Schätzung.
