Für den Besuch hatte sich Wolodymyr Selenskyj ein symbolträchtiges Datum ausgesucht. Am Samstag, dem Internationalen Tag des Schwarzen Meeres, empfing ihn Recep Tayyip Erdoğan mit militärischen Ehren in seinem Amtssitz am Dolmabahçe-Palast in Istanbul. Am Ende der Gespräche stand eine Zusage, die vor allem Getreidehändler aufhorchen lassen dürfte: Beide Präsidenten wollen gemeinsam daran arbeiten, dass ukrainische Ernten wieder verlässlich über das Meer zu ihren Abnehmern gelangen.
Selenskyj sprach vor Journalisten davon, der Korridor solle nicht nur existieren, sondern auch tatsächlich funktionieren. Darüber hinaus brachte er einen weiteren Vorschlag ins Spiel: Gespräche zu dritt auf türkischem Boden, an denen auch Europa beteiligt sein soll. Moskau, so seine Botschaft, müsse auf allen Ebenen spüren, dass es zum Frieden keine Alternative gebe.
Erdoğan wiederum wählte deutliche Worte gegenüber beiden Kriegsparteien. Angriffe auf zivile Frachter seien für Ankara inakzeptabel, ganz gleich, wer sie verübe und womit er sie rechtfertige. Der Hintergrund: In den vergangenen Monaten haben Russland und die Ukraine einander auf See immer häufiger ins Visier genommen, mehrfach waren auch Schiffe unter türkischer Flagge betroffen. Bereits im August hatte die Türkei deshalb ein Stillhalten bei Angriffen auf Schiffe angeregt. Kiew zeigte sich offen dafür, der Kreml bislang nicht.
Rückenwind kommt aus Washington. Außenminister Marco Rubio sagte am selben Tag in Atlanta, das Interesse an einer auf das Schwarze Meer begrenzten Waffenruhe wachse. Die USA prüften Ideen aus der Türkei und aus Indien. Den Krieg beende das nicht, räumte Rubio ein, wohl aber ein besonders heikles Teilproblem für die Ernährungs- und Energiesicherheit.
Ankara hat Erfahrung mit solchen Vermittlungen: 2022 half die Türkei, das erste Getreideabkommen auf den Weg zu bringen. Daneben ging es in Istanbul um Wirtschaft. Das bilaterale Freihandelsabkommen ist inzwischen in Kraft, und Selenskyj kündigte an, dass türkische Firmen schon in der kommenden Woche mehr Generatoren und Energietechnik liefern sollen.
