Zum ersten Mal seit zwei Monaten haben Kiew und Moskau wieder Gefangene ausgetauscht. Am Freitag kehrten 261 ukrainische Soldaten und neun Zivilisten in ihre Heimat zurück, wie Präsident Wolodymyr Selenskyj mitteilte. Im Gegenzug überstellte die Ukraine 270 russische Militärangehörige. Das Verteidigungsministerium in Moskau erklärte, die eigenen Leute würden zunächst in Belarus ärztlich und psychologisch versorgt und danach zur weiteren Behandlung nach Russland gebracht.

Für die Ukraine hat dieser Austausch besonderes Gewicht. Die meisten Heimkehrer waren im Frühjahr 2022 bei der Belagerung von Mariupol in Gefangenschaft geraten, darunter Marinesoldaten, Grenzschützer und Kämpfer des Asow-Regiments, das die Hafenstadt lange gehalten hatte. Fünf von ihnen überlebten im Juli 2022 die Explosion in einer Baracke des Lagers Oleniwka, bei der zahlreiche Gefangene starben. Menschenrechtsbeauftragter Dmytro Lubinez nannte den Tausch „historisch“: Seit 2022 seien nie so viele in Russland verurteilte Soldaten auf einmal freigekommen, diesmal 86.

Kiew, die Vereinten Nationen und Menschenrechtsorganisationen sehen in solchen Verfahren gegen Kriegsgefangene einen Bruch des Völkerrechts, denn die Genfer Konventionen verbieten es, Soldaten allein für die Teilnahme an Kämpfen zu bestrafen. Zwei der Freigelassenen waren laut Lubinez bereits seit 2018 beziehungsweise 2020 in russischer Hand. Der jüngste ist 24, der älteste 63 Jahre alt. Innenminister Iwan Wyhiwskyj erzählte von Vater und Sohn, beide Grenzschützer namens Wolodymyr, die sich nach vier Jahren zum ersten Mal wiedersahen.

Parallel brachten ukrainische Behörden mit Hilfe des Roten Kreuzes mehrere Zivilisten zurück, während andere zur Familienzusammenführung nach Russland reisten. Es war bereits der elfte bekannte Austausch in diesem Jahr. Während Friedensgespräche bislang nicht einmal eine Teilwaffenruhe gebracht haben, bleibt die Rückführung von Gefangenen einer der wenigen Bereiche, in denen beide Seiten regelmäßig zusammenarbeiten. Selenskyj kündigte zugleich an, die Ukraine sei zu einem Dreiertreffen mit den USA und Russland in Abu Dhabi in der ersten Novemberhälfte bereit.

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