Um 11.52 Uhr wurde es still auf dem Bahnhofsvorplatz von Novi Sad. Genau zu dieser Uhrzeit war am 1. November 2024 das Betonvordach des frisch sanierten Bahnhofs heruntergestürzt. Am Sonntag hielten Zehntausende Menschen 16 Minuten lang inne – eine Minute für jedes Todesopfer. Danach legten sie Kränze, Blumen und Kerzen ab, ein Chor sang, Rednerinnen und Redner forderten, die Verantwortlichen endlich vor Gericht zu bringen.

Der zweite Jahrestag fiel in eine politisch völlig veränderte Lage. Nur eine Woche zuvor hatte die sogenannte Studentenliste die Parlamentswahl gewonnen. Nach vorläufiger Auszählung vom 25. Oktober kommt das Bündnis, dessen Kandidaten von studentischen Vollversammlungen bestimmt wurden und zu dem Akademiker, Bauern, Schauspieler und Aktivisten gehören, auf 141 der 250 Sitze. Aleksandar Vučić, der am Ende seiner Amtszeit als Präsident für seine Partei SNS als Regierungschef antreten wollte, räumte die Niederlage ein und verließ sein Amt. Eine Präsidentenwahl soll noch vor Jahresende stattfinden.

Für viele Serbinnen und Serben war das Unglück zum Symbol für Vetternwirtschaft und Pfusch am Bau geworden. Der Bahnhof war im Rahmen eines von China unterstützten Schnellbahnprojekts renoviert worden. Aus der Trauer entstand eine landesweite Protestbewegung gegen Korruption, die zunächst Rücktritte erzwang – darunter den des Bauministers –, dann eine Regierungsumbildung und schließlich vorgezogene Neuwahlen.

Juristisch ist dagegen wenig passiert. Die Staatsanwaltschaft hat 13 Personen angeklagt, doch das Vorverfahren stockt; die Beschuldigten weisen jede Schuld zurück. Neben den 16 Toten wurde ein weiterer Mensch schwer verletzt.

Die Stimmung am Sonntag schwankte zwischen Trauer und Hoffnung. Eine Unterstützerin der Studierenden wünschte sich eine „kollektive Heilung“. Eine 32-jährige Wissenschaftlerin aus der Stadt sagte, man habe hoffentlich gelernt, nicht jahrelang zu warten, wenn Missstände Menschenleben kosten. Für die neue Mehrheit beginnt damit die eigentliche Prüfung: Sie muss nun zeigen, dass sie die Aufklärung schneller voranbringt als ihre Vorgänger.

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