Bulgarien steht offenbar vor einer historischen Premiere. Nach Schließung der Wahllokale am Sonntagabend sahen gleich mehrere Meinungsforschungsinstitute die amtierende Staatschefin Ilijana Jotowa als Siegerin der Präsidentschafts-Stichwahl. Bestätigt sich das, wäre sie die erste Frau, die das Land per Volkswahl an seine Spitze gebracht hat. Ein amtliches Ergebnis lag am Abend noch nicht vor.

Die Zahlen fallen recht einheitlich aus. Das Institut Alpha Research kam um 20 Uhr Ortszeit auf 52,5 Prozent für Jotowa und ihren Vize-Kandidaten Kiril Waltschew, das Institut Myara auf 51 Prozent. Herausforderer Andrej Gjurow, früher Übergangsregierungschef, landete je nach Erhebung zwischen 43,4 und 44,7 Prozent. Rund vier Prozent wählten die auf dem Stimmzettel vorgesehene Option, keinen der beiden zu unterstützen.

Auffällig ist die geringe Beteiligung: Die Schätzungen lagen bei etwa 27 bis 29 Prozent. Bereits im ersten Durchgang am 25. Oktober hatte weniger als ein Viertel der rund 6,6 Millionen Stimmberechtigten abgestimmt. Damals erreichte Jotowa knapp 35 Prozent, Gjurow knapp 32 Prozent; von 27 Kandidatenpaaren schafften es nur diese beiden in die zweite Runde. Auslandsbulgaren konnten in 60 Staaten wählen, die letzten Urnen an der US-Westküste schließen erst am Montagmorgen.

Inhaltlich war die Wahl eine Abstimmung über den Kurs gegenüber Moskau. Jotowa lehnt Waffenhilfe für die Ukraine ab, warb als „Präsidentin des Friedens“ für Gespräche mit Russland und erklärte, Frieden lasse sich nur am Verhandlungstisch erreichen. Gjurow, getragen von proeuropäischen Reformparteien, hatte als Regierungschef ein Sicherheitsabkommen mit Kiew unterzeichnet. In einer Fernsehdebatte warf er seiner Rivalin vor, Russland für die Drohnenangriffe auf Handelsschiffe im Schwarzen Meer nicht beim Namen zu nennen.

Das Amt ist zwar weitgehend repräsentativ, doch der Präsident ernennt in Krisen Übergangsregierungen, führt den Oberbefehl über die Armee und kann Gesetze per Veto stoppen. Mit Ministerpräsident Rumen Radew liegt Jotowa auf einer Linie: Bulgarien soll in der EU bleiben, zugleich aber eigenständiger gegenüber Brüssel auftreten und die Russland-Sanktionen infrage stellen.

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