In der südwestjemenitischen Stadt Taiz entscheidet derzeit der Dieselvorrat darüber, wie lange Nierenkranke an der Blutwäsche hängen dürfen. Im Republikanischen Krankenhaus wurden die Dialysesitzungen von vier auf zweieinhalb Stunden verkürzt, damit das Zentrum überhaupt noch eine Weile arbeiten kann. Rund 270 Patienten sind dort regelmäßig auf die Behandlung angewiesen. Der Leiter der Station, Essam Mahyoub Dahan, rechnet mit einem kompletten Stillstand innerhalb weniger Tage.
Hintergrund ist eine erneute Belagerung durch die Huthi-Miliz. Seit Anfang Oktober haben die vom Iran unterstützten Kämpfer nach Geländegewinnen im Umland die Zufahrten zu der von der Regierung gehaltenen Stadt weitgehend abgeriegelt, darunter die wichtige Straße nach Aden. Schon 2015 und 2016 war Taiz eingeschlossen.
Weil das Stromnetz seit dem Krieg zerstört ist, laufen die Kliniken mit Generatoren. Reserven gibt es keine mehr, Treibstoff wird laut Krankenhausleitung inzwischen täglich auf dem Schwarzmarkt gekauft – zum Fünffachen des früheren Preises. Etwa die Hälfte der üblichen Medikamente fehlt, Laborreagenzien sind nur noch zu einem Bruchteil vorhanden.
Die Weltgesundheitsorganisation zeichnet ein ähnliches Bild: In der Stadt melden 42 Gesundheitseinrichtungen akuten Mangel. Mehr als 1.100 Menschen mit Nierenversagen brauchen regelmäßig Dialyse, fast 200 liegen auf Intensivstationen, über 150 Neugeborene in Inkubatoren. Kliniken und Rettungswagen benötigen über 156.000 Liter Treibstoff im Monat. Ohne Diesel droht auch die Sauerstoffproduktion auszufallen, ebenso Wasserpumpen und Kühlketten für Impfstoffe – mit wachsender Cholera-Gefahr für Vertriebene.
Amnesty International und die Vereinten Nationen fordern die Huthi auf, die Straßen zu öffnen. Ein Hilfspartner der WHO brachte zuletzt Notfallmedikamente über eine Ausweichroute in die Stadt, doch das reicht nicht. Ein Patient beschreibt die verkürzte Behandlung so: Er fühle sich schwach, der Körper werde die Giftstoffe nicht mehr los.
