Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un ist am Samstag überraschend in die Volksrepublik China gereist. Nach Angaben des südkoreanischen Vereinigungsministeriums fuhr er mit dem Zug von Pjöngjang an die Grenze nach Sinuiju und überquerte dort den Fluss Yalu, um in die chinesische Stadt Dandong in der Provinz Liaoning zu gelangen. Weder Pjöngjang noch Peking hatten die Reise vorher angekündigt, bis zum Abend bestätigte auch keine der beiden Regierungen den Besuch.
Symbolträchtig ist schon der Weg. Kim nutzte die Neue Yalu-Brücke, ein rund drei Kilometer langes, vierspuriges Bauwerk, das China bereits 2014 fertiggestellt hatte. Weil auf nordkoreanischer Seite Straßen, Zollanlagen und andere Infrastruktur fehlten, blieb sie zwölf Jahre lang ungenutzt. Erst am 15. Oktober wurde sie offiziell freigegeben. Seoul wertete die Eröffnung als erstes greifbares Ergebnis des Gipfels vom Juni, als Xi Jinping zum ersten Mal seit sieben Jahren Pjöngjang besuchte.
Auch der Zeitpunkt dürfte kein Zufall sein. China erinnert am Sonntag daran, dass es vor 76 Jahren mit eigenen Truppen auf nordkoreanischer Seite in den Koreakrieg eingriff. Die japanische Agentur Kyodo berichtete, in Dandong seien Straßen gesperrt und Hotelbuchungen eingeschränkt worden, unter anderem nahe einem Museum über diesen Kriegseinsatz. Laut Yonhap soll Ministerpräsident Li Qiang in die Grenzstadt gereist sein. Ob Kim weiterfährt und Staatschef Xi trifft, war zunächst offen. Bei all seinen bisherigen fünf Chinabesuchen kam es zu einem Treffen der beiden.
Es ist Kims erste bekannte Auslandsreise seit September 2025, als er in Peking an einer Militärparade teilnahm. Zuletzt waren in sozialen Netzwerken Gerüchte über seinen angeblichen Tod aufgetaucht; der südkoreanische Geheimdienst wies sie gegenüber Abgeordneten als falsch zurück. Beobachter blicken zudem auf den Asien-Pazifik-Gipfel, den China Mitte November in Shenzhen ausrichtet. Dass Kim dort US-Präsident Donald Trump begegnet, gilt in Washington und Seoul allerdings als unwahrscheinlich.
