In Belgrad wurde bis tief in die Nacht gefeiert. Die „Studentische Liste“, hervorgegangen aus den monatelangen Protesten gegen Korruption, hat die Parlamentswahl in Serbien am Sonntag klar für sich entschieden. Aleksandar Vučić, der das Land seit mehr als einem Jahrzehnt prägt, gestand noch am Abend ein: „Es ist klar, dass wir diese Wahl verloren haben.“
Die Hochrechnung der Institute Ipsos und CeSID sieht die Studenten bei knapp 53 Prozent und 141 der 250 Sitze – deutlich mehr als die 126 Mandate, die für eine Mehrheit nötig sind. Vučićs Bündnis „Vereintes Serbien“ kommt demnach auf rund 39 Prozent und 103 Sitze; die übrigen Mandate gehen an Listen nationaler Minderheiten. Die staatliche Wahlkommission RIK zählte in der Nacht noch, ihre Zwischenstände gelten als vorläufig.
Getragen wurde der Umschwung von einer außergewöhnlichen Beteiligung. Fast 70 Prozent der Wahlberechtigten gaben ihre Stimme ab, so viele wie seit 1990 nicht mehr. Auch in der Diaspora bildeten sich lange Schlangen, in London warteten Wähler bis zu drei Stunden.
Für Vučić ist die Lage doppelt heikel. Er hatte sein Amt als Präsident niedergelegt, um selbst für das Parlament anzutreten; übergangsweise führt nun seine Vertraute Ana Brnabić das Staatsamt. In den kommenden Monaten muss Serbien deshalb auch einen neuen Präsidenten bestimmen.
Aus Brüssel kamen prompt Glückwünsche. Kommissionschefin Ursula von der Leyen und Ratspräsident António Costa boten Hilfe bei Reformen an, Erweiterungskommissarin Marta Kos schrieb: „Die Tür zur EU ist offen.“ Wie europafreundlich die neue Mehrheit tatsächlich auftritt, ist allerdings noch offen – die Bewegung hat sich zu Brüssel bislang eher zurückhaltend geäußert.
