Israel hat so zahlreich gewählt wie seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr – und steht am Morgen danach ohne klaren Sieger da. Knapp 78 Prozent der Berechtigten gaben am Dienstag ihre Stimme ab. Es war die erste Parlamentswahl seit dem Hamas-Überfall vom 7. Oktober 2023, und viele sahen in ihr ein Urteil über die Ära von Benjamin Netanjahu.

Die Prognosen der drei großen Fernsehsender drehten sich im Laufe der Nacht. Zunächst lag das Lager des früheren Generalstabschefs Gadi Eisenkot mit 52 bis 53 Sitzen knapp vorn. Später sahen Kan und Kanal 13 beide Blöcke gleichauf bei je 51 Mandaten, Kanal 12 gab dem Regierungslager sogar einen kleinen Vorsprung. Für eine Mehrheit in der Knesset wären 61 von 120 Sitzen nötig. Erste echte Auszählungsergebnisse nach rund einem Drittel der Stimmen zeigten Netanjahus Bündnis deutlich besser, mit 59 zu 46 Sitzen. Solche Zwischenstände können sich allerdings noch erheblich verschieben.

Zum Zünglein an der Waage könnten die arabischen Parteien werden. Sie kommen laut Prognosen auf 17 bis 18 Sitze, ein kräftiges Plus, getragen von einer in manchen Orten fast vollständigen Beteiligung. Ra’am-Chef Mansour Abbas signalisierte Offenheit für eine Zusammenarbeit mit Eisenkot. Der hatte im Wahlkampf ein Regierungsbündnis mit arabischen Abgeordneten jedoch ausgeschlossen. Denkbar wäre eine Minderheitsregierung, die von außen gestützt wird.

Beide Spitzenkandidaten traten nach Mitternacht vor ihre Anhänger. Der 77-jährige Netanjahu warb in Jerusalem für eine „starke Regierung der Rechten“, rief aber nicht offen den Sieg aus. Eisenkot nannte ihn in Tel Aviv einen Übergangspremier „ohne Mandat“ und lehnte eine weitere Neuwahl ab. Die Märkte reagierten erleichtert: Der Schekel legte um 1,8 Prozent zu.

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