Für die unabhängige Untersuchungskommission der Vereinten Nationen ist die Sache eindeutig: Wer im Winter gezielt Kraftwerke und Heizanlagen zerstört, begeht nicht nur Kriegsverbrechen. Die gezielten russischen Schläge gegen die ukrainische Energieversorgung erfüllen nach ihrem am Montag vorgelegten Bericht auch den Tatbestand von Verbrechen gegen die Menschlichkeit, in Form „anderer unmenschlicher Handlungen“.
Die drei Mitglieder des Gremiums – Erik Møse, Pablo de Greiff und Vrinda Grover – stützen sich auf Gespräche mit 255 Menschen aus neun Regionen, darunter Kiew, Charkiw, Odessa und Saporischschja. Im vergangenen Winter fiel das Thermometer dort auf bis zu minus 21 Grad, während Millionen Haushalte ohne Strom, Heizung, Wasser oder Gas auskommen mussten. Die Verantwortlichen in Moskau hätten gewusst, dass die Anlagen für die Zivilbevölkerung unverzichtbar waren, schreiben die Ermittler. Russische Stellen hätten weitere Angriffe sogar öffentlich angekündigt.
Besonders hart traf es ältere Menschen, die Treppen kaum bewältigen und Aufzüge aus Angst meiden. Bei Luftalarm bleiben sie in kalten Wohnungen zurück. Eine 74-jährige Kiewerin wird mit den Worten zitiert, sie habe „kalt und hungrig, ohne Medikamente“ dagelegen.
Ein zweiter Teil des Berichts betrifft ausländische Kämpfer. Nach „überzeugenden Belegen“ wurden Männer aus 29 Ländern durch Täuschung und Druck nach Russland gelockt und dort gezwungen, Verträge auf Russisch mit dem Verteidigungsministerium zu unterschreiben. Viele landeten an der Front, wurden getötet, gelten als vermisst oder gerieten in Gefangenschaft. Die Kommission fordert ihre Entlassung.
Auch ukrainische Angriffe auf Energieanlagen in Russland und in besetzten Gebieten wurden geprüft. Moskau verweigerte den Ermittlern jedoch jeden Zugang. Das Gremium besteht seit März 2022 im Auftrag des UN-Menschenrechtsrats; nach Einschätzung der Ermittler nehmen die Angriffe auf Kraftwerke vor dem neuen Winter bereits wieder zu.
