Am 9. November gehen in der Moskauer Redaktion in der Potapowski-Gasse endgültig die Lichter aus. Die Nowaja Gaseta, über drei Jahrzehnte die bekannteste kritische Stimme im russischen Blätterwald, hat am Freitag ihr Ende verkündet. Die Überschrift ihrer Abschiedserklärung lässt keinen Zweifel daran, wen die Redaktion verantwortlich macht: „Man hat uns getötet.“
Der Schritt kommt nicht aus heiterem Himmel. Seit Moskau im Februar 2022 den großen Krieg gegen die Ukraine begann, wurde der Spielraum der Zeitung Stück für Stück kleiner. Die gedruckte Ausgabe war schon damals eingestellt worden, später verlor das Blatt seine Lizenz, die Webseite wurde gesperrt, die Druckerei beschlagnahmt. Treue Leser umgingen die Sperre über VPN-Verbindungen. Den letzten Ausschlag gaben nun zwei Schläge zugleich: eine Räumungsaufforderung für die Redaktionsräume und die Abschaltung des Systems, über das Leser die Arbeit mit Spenden finanzierten.
Hinzu kommt juristischer Druck. Der Investigativreporter Oleg Roldugin steht unter Hausarrest und wartet auf einen Prozess, in dem ihm bis zu zehn Jahre Haft drohen. Auch Chefredakteur Sergej Sokolow wurde verhört, seine Wohnung durchsucht. Laut der Exilredaktion in Lettland fiel die Entscheidung bei einem Treffen am 26. Oktober im Keller eines Nachbargebäudes – aus Sorge, das eigene Büro werde abgehört. Befürchtet wurde, als „extremistisch“ eingestuft zu werden, was Festnahmen ermöglicht hätte.
Gegründet wurde die Zeitung 1993, unterstützt mit Geld aus Michail Gorbatschows Friedensnobelpreis. Sechs Mitarbeiter bezahlten ihre Arbeit mit dem Leben, darunter Anna Politkowskaja, die vor 20 Jahren ermordet wurde. Mitgründer Dmitri Muratow erhielt 2021 selbst den Friedensnobelpreis, zwei Jahre später erklärte ihn der Staat zum „ausländischen Agenten“. Er kommentierte bitter, die Verfassung verbiete Zensur doch ausdrücklich.
Vom Kreml gab es zunächst keine Reaktion. Weiterarbeiten will dagegen die 2022 gegründete Nowaja Gaseta Europe in Riga, die in Russland als „unerwünscht“ verboten ist.
