Ein kurzes Wegnicken, schwere Augenlider, ein paar Sekunden ohne Bewusstsein: Was am Schreibtisch harmlos wäre, ist im Cockpit ein ernstes Sicherheitsrisiko. Eine neue Umfrage der Europäischen Pilotenvereinigung ECA zeigt, wie verbreitet solche Momente sind. Mehr als drei Viertel der Befragten gaben an, in den vier Wochen vor der Erhebung mindestens einmal einen Sekundenschlaf am Steuer erlebt zu haben.
Für die Studie hat das Beratungsunternehmen Baines Simmons im August rund 7.200 Kapitäne und Erste Offiziere aus 32 Ländern befragt. Gut die Hälfte räumte ein, in den drei Monaten zuvor mindestens einen Flug absolviert zu haben, bei dem sie sich im Nachhinein hätten dienstunfähig melden müssen. Etwa 24 Prozent fliegen nach eigener Aussage in der Regel trotzdem weiter, wenn sie zu müde sind, knapp 17 Prozent melden sich lieber krank.
Warum schweigen so viele? Am häufigsten nannten die Piloten die Sorge vor der Reaktion ihrer Vorgesetzten (47 Prozent). Viele wollen nicht auffallen oder ihrer Airline keine Umstände machen. Nur 11,9 Prozent vertrauen dem Meldesystem ihres Arbeitgebers. „Wenn Piloten berufliche Nachteile fürchten, bleibt die Müdigkeit unerwähnt, und das Risiko kehrt ins Cockpit zurück“, warnt ECA-Vorstand Coen George.
Zwischen den Ländern gibt es deutliche Unterschiede. Bei Fluggesellschaften mit Sitz in Irland und Malta waren Sekundenschlaf und Angst vor Konsequenzen besonders häufig. In Spanien fliegen zwei von fünf Piloten gewöhnlich auch erschöpft, im Vereinigten Königreich nur einer von zehn. Finnland und die Niederlande gelten als Beispiele für eine offene Meldekultur.
Rechtlich sind Airlines in der EU verpflichtet, die Ermüdung ihrer Crews zu überwachen und zu steuern. Baines-Simmons-Chef Ian Holder betont, die Antworten bildeten Erfahrungen ab und seien kein direkter Maßstab für die Flugsicherheit. Weil die Ergebnisse aber seit drei Jahren ähnlich ausfallen, sieht er klaren Handlungsbedarf.
