Seit mehr als einem Jahrzehnt hat die Europäische Union keine Beitrittsverhandlungen mehr abgeschlossen. Mit Montenegro soll sich das nun ändern. In ihrem jährlichen Erweiterungsbericht schreibt die EU-Kommission am Mittwoch, die Gespräche mit dem Adria-Staat ließen sich realistischerweise bis Ende dieses Jahres beenden. Der Beitrittsvertrag könnte dann frühestens im Juni 2027 unterzeichnet werden.
Zuletzt war ein solcher Abschluss 2011 mit Kroatien gelungen, das zwei Jahre später Mitglied wurde. Montenegro mit seinen nur rund 630.000 Einwohnern hat sich den Beitritt für 2028 vorgenommen und wäre dann das 28. Mitgliedsland. Nach Angaben des serbischen Senders B92 sind noch zwölf Verhandlungskapitel offen: Sechs sollen im November, die übrigen sechs im Dezember geschlossen werden. Im Frühjahr 2027 könnte der Vertragstext fertig sein.
Bis zur Unterschrift bleibt allerdings viel zu klären, etwa das Finanzpaket und institutionelle Fragen. Neu ist, dass der Vertrag mit Podgorica erstmals verschärfte Schutzklauseln enthalten soll. Sie erlauben es, auch nach dem Beitritt rasch einzugreifen, falls zugesagte Reformen wieder aufgeweicht werden. Bis dahin will Brüssel die Umsetzung mit einem eigenen Überwachungsmechanismus begleiten. Der diesjährige Fortschrittsbericht dürfte der letzte für das Land sein.
Bevor Montenegro wirklich Mitglied wird, müssen alle 27 Staaten den Vertrag ratifizieren, außerdem muss das Europäische Parlament zustimmen. Die Kommission mahnt, das Land müsse den Kurs halten und die Unterstützung über Parteigrenzen hinweg bewahren. Den Zeitplan bezeichnet sie ausdrücklich als vorläufig. Sollte Montenegro bei Reformen zurückfallen, könnte der Beitritt im äußersten Fall auch verschoben werden.
Auch für Albanien, Moldau und die Ukraine legt Brüssel Fahrpläne vor. Albanien will bis Ende 2027 fertig verhandeln, muss aber laut B92 noch 31 Kapitel abschließen. Die Kommission verlangt dort mehr Dialog im Parlament, zumal das Land die größten Proteste seit dem Ende des Kommunismus erlebt.
