Für Millionen Ukrainer ist das Smartphone die erste Verteidigungslinie: Eine App meldet, wenn Raketen oder Drohnen im Anflug sind, und schickt die Menschen in die Schutzräume. Am Sonntagabend wurde genau dieses Werkzeug gegen sie gerichtet. Gegen 22.45 Uhr Ortszeit leuchteten landesweit rote Luftalarme auf, in Kiew und anderen Regionen kamen Hinweise auf Strahlung, Chemiewaffen und angebliche Straßenkämpfe hinzu.
Wer genauer hinsah, wurde stutzig. Mehrere Meldungen waren auf Russisch verfasst, eine verkündete Atomalarm für das ganze Land und spielte auf die russische Hyperschallrakete Oreschnik an. Die ukrainische Luftwaffe reagierte schnell: Die App „Luftalarm“ sei vermutlich vom Feind manipuliert worden, eine Strahlengefahr gebe es nicht. Die Betreiber nahmen den Dienst vorübergehend vom Netz und sprachen später ausdrücklich von einem Cyberangriff. Die Kiewer Stadtverwaltung riet, sich vorerst auf die städtische App „Kyiv Digital“ und die Sirenen auf der Straße zu verlassen. Ganz ohne Folgen blieb der Spuk nicht: Im westukrainischen Gebiet Lwiw gaben einzelne Sirenen und Lautsprecher ebenfalls ein Strahlungssignal aus.
Panik brach trotzdem kaum aus. Viele Ukrainer reagierten mit Spott und Memes im Netz – die Fälschung wirkte auf sie zu plump.
Wenige Stunden später meldete auch Moskau einen Angriff. Das russische Katastrophenschutzministerium sprach von einer „massiven Cyberattacke“ auf seine Warn-App, über die falsche Nachrichten verbreitet worden seien. Nach Screenshots, die in sozialen Netzwerken kursierten, warnten die Texte – gespickt mit Kraftausdrücken – vor ukrainischen Atomsprengköpfen und rieten zum Vorratskauf. Das Ministerium betonte, die App sei nur ein Zusatzangebot, das eigentliche Warnsystem habe funktioniert.
Wer hinter den Attacken steckt und ob sie zusammenhängen, ist offen. Ein Telegram-Kanal namens Hitcorecorp soll sich laut einem kremlnahen Medium zu dem Angriff auf die ukrainische App bekannt haben; überprüfen ließ sich das nicht. Beobachter vermuten wegen des saloppen Tons eher Hacktivisten als staatliche Stellen. Brisant ist der Zeitpunkt: Kurz zuvor war die sechstägige Feuerpause im besetzten Oleschky ausgelaufen.
