Sechs Tage, sechs Nächte voller Tränengas: In Tirana kommt die Lage nicht zur Ruhe. Am Sonntagabend griffen Vermummte die Polizeiwache Nummer 3 an, warfen Molotowcocktails, Feuerwerkskörper und Steine. Im ersten Stock brach ein Feuer aus, zehn Beamte wurden verletzt. Polizeichef Skender Hita sprach von einem beispiellosen Angriff, der mit Demonstrationsfreiheit nichts mehr zu tun habe.

Schon tagsüber hatten sich vor dem Bildungsministerium wieder Hunderte meist junge Menschen versammelt und Ministerpräsident Edi Rama zum Rücktritt aufgefordert. Die Sicherheitskräfte setzten Wasserwerfer und Gummigeschosse ein, auf dem zentralen Skanderbeg-Platz lieferten sich beide Seiten stundenlange Gefechte. Viele Geschäfte in der Innenstadt verbarrikadierten sich hinter Rollläden, städtische Arbeiter entfernten lose Pflastersteine.

Das Gesundheitsministerium zählte allein am Sonntag 28 Verletzte, darunter 17 Polizisten, einen minderjährigen Demonstranten, einen Journalisten und vier unbeteiligte Passanten. Seit Dienstag sind es nach offiziellen Angaben 272 Verletzte, mehr als 160 davon Polizeikräfte.

Die Wut hat eine längere Vorgeschichte. Im Mai entzündete sich der Widerstand an einem Luxus-Ferienprojekt im Süden, an dem die Firma von Jared Kushner beteiligt ist. Inzwischen haben Studierende die Bewegung übernommen und weiten die Forderungen aus: bezahlbare Studiengebühren, ordentliche Hochschulen, Arbeitsplätze und ein Ende der Korruption.

Rama, seit 2013 im Amt und in seiner vierten Legislaturperiode, denkt nicht an Rückzug. In einer Livesendung vermutete er Einfluss von außen und stellte die Bevölkerung vor die Wahl zwischen Chaos und Europa. Albanien will bis 2030 der EU beitreten. Über die Kosten des Studiums sei er gesprächsbereit, Randalierer müssten aber zur Rechenschaft gezogen werden.

Wie es weitergeht, weiß in Tirana derzeit niemand. Beide Lager wirken entschlossen, keinen Schritt zurückzuweichen.

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