Selten reagiert Israels Polizei so schnell auf Gewalt radikaler Siedler. Am Montag vor Sonnenaufgang holten Einsatzkräfte im mittleren Westjordanland zehn Verdächtige aus ihren Unterkünften, laut Armeeradio ausnahmslos israelische Staatsbürger. Die Aktion trug den Namen „Olivenblatt“, beteiligt waren neben der Polizei der Inlandsgeheimdienst Schin Bet, die Grenzpolizei und das Militär. Außerdem wurden Fahrzeuge beschlagnahmt und illegal errichtete Bauten geräumt, darunter nach Angaben aus Siedlerkreisen ein Außenposten bei Ofra.
Vorgeworfen werden den Männern Gewalttaten, das Betreten einer militärischen Sperrzone und Schwarzbauten. Hintergrund sind zwei Übergriffe, die international Empörung ausgelöst hatten: Am Freitag prügelten Siedler in Abu Falah auf die Fotografin Heidi Levine von der Washington Post ein – sie erlitt Brüche an Rippen und Wirbeln, ein Finger musste operiert werden. Tags darauf griffen Vermummte in Taybeh eine Gruppe von Diplomaten aus Frankreich, Belgien und Polen an, die die Olivenernte beobachtete.
Washingtons Botschafter Mike Huckabee lobte den Zugriff als sehr positive Entwicklung. Polizeichef Danny Levy betonte, das Gesetz gelte für alle, und schob die Verantwortung für das Verhindern solcher Taten indirekt Armee und Geheimdienst zu.
Benjamin Netanjahu blieb dagegen auffallend vage. Der Regierungschef, dessen Koalition bei der Wahl am 27. Oktober laut Umfragen die Mehrheit verlieren dürfte, warf den Diplomaten vor, ohne Absprache mit dem Militär in ein heikles Gebiet gefahren zu sein, und nannte den Hergang im Fall Levine unklar. Die Fotografin zeigte sich darüber schockiert.
Menschenrechtsgruppen erinnern daran, dass palästinensische Bauern während der Ernte fast täglich angegriffen werden und Täter nur selten vor Gericht landen. Belgiens Außenminister Maxime Prévot kündigte an, weiter auf Sanktionen zu dringen. Nach Angaben der Sicherheitskräfte räumen Armee und Polizei derzeit jede Woche sieben bis zehn illegale Außenposten – doch viele davon entstehen kurz darauf neu.
