Eine psychologisch wichtige Marke ist gefallen. Der niederländische TTF-Kontrakt, an dem sich der Großhandel in ganz Europa orientiert, kostete am Mittwochnachmittag erstmals seit Dezember 2022 mehr als 100 Euro je Megawattstunde. Gegen 16 Uhr wurden 100,37 Euro notiert, ein Tagesplus von über vier Prozent. Vor Beginn des Iran-Kriegs Ende Februar lag der Preis noch bei rund 32 Euro.
Nur Stunden zuvor hatte EU-Energiekommissar Dan Jørgensen in Brüssel die Lage ungewöhnlich offen beschrieben. Europa stehe „erneut vor einer Energiekrise“, sagte der Däne nach einem Treffen mit Raffineriebetreibern, und dieser Winter werde für Bürger und Wirtschaft schwierig.
Der Hauptgrund liegt am Persischen Golf. Flüssigerdgas aus Katar, früher eine wichtige Stütze der europäischen Versorgung, kommt kaum noch an; nach Einschätzung der Commerzbank exportiert das Emirat derzeit nur 20 bis 30 Prozent seiner Kapazität. Inzwischen deckt die EU rund 30 Prozent ihres Bedarfs mit Gas aus den USA und konkurriert mit Asien um jede freie Ladung.
Hinzu kommen leere Speicher. Nach dem vergangenen Winter waren sie nur zu 28 Prozent gefüllt, jetzt liegt der EU-Schnitt bei knapp 75 Prozent, in Deutschland bei etwa 60 Prozent. Das eigentliche Ziel von 90 Prozent zum 1. November ist außer Reichweite. Auch der Strommarkt reagiert: Der deutsche Jahreskontrakt für Grundlaststrom stieg auf 159,30 Euro je Megawattstunde und damit auf den höchsten Stand seit Juni 2023.
Für Haushalte kommt der größte Teil der Rechnung erst 2027, weil Endkundentarife dem Großhandel verzögert folgen. Neukunden zahlen in Deutschland aber schon jetzt rund 55 Prozent mehr als zu Jahresbeginn. Chemie-, Dünger- und Stahlhersteller haben ihre Produktion teils gedrosselt. Vom Rekord des Sommers 2022, als rund 340 Euro fällig waren, ist der Markt zwar weit entfernt, doch Analysten erwarten auch bei einem milden Winter mindestens ein weiteres Jahr mit hohen Preisen.
